Bayreuth, den 18.6.17 Johannes 5,39-47

Liebe Gemeinde! 

"Bibel rettet Mann das Leben". So war es vor einiger Zeit groß in Focus-Online zu lesen. Der Bericht handelte von einem Busfahrer in den USA im Bundesstaat Ohio. Bei einem Überfall feuerten Angreifer drei Schüsse auf den 49jährigen ab. Ein Schuss traf den Mann ins Bein, zwei weitere waren auf seinen Oberkörper gerichtet. Eine Bibel in seiner Hemdtasche fing die Kugeln ab und verhinderte damit lebensgefährliche Verletzungen. Der Polizist, der den Vorfall aufnahm, kommentierte: "Hier gab es auf jeden Fall Eingriff von oben. Eigentlich wäre der Fahrer jetzt nicht mehr hier." Der Busfahrer konnte die Angreifer durch ein geschicktes Manöver vertreiben. Dann wählte er den Notruf.

Wenn es zur Zeit Jesu schon eine kleine gedruckte Bibel gegeben hätte, hätten die Gesprächspartner Jesu diese Bibel bestimmt auch am Herzen getragen. Die Heilige Schrift war den Schriftgelehrten und Pharisäern ganz besonders wichtig. Sie lasen die Bibel. Sie kannten die Bibel und lernten viele Bibelverse auswendig. Die Heilige Schrift war für ihr Leben von einzigartiger Bedeutung.

Für diese Einstellung lobt sie auch Jesus. "Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin". Das sind anerkennende Worte.

Und auch uns soll dieses Lob Jesu anspornen, sich intensiv mit der Bibel zu beschäftigen. Sie ist kein Buch mit sieben Siegeln, unverständlich und schwer zu lesen. Wer sich schwer tut, die Bibel zu verstehen, der kann ja Bibelausgaben in moderner Sprache lesen. Es gibt auch Bibeln mit Erklärungen. Außerdem gibt es auch Pfarrer, Lehrer, Gruppenleiter, die einem dabei helfen können, die Bibel besser zu verstehen. Bibellesepläne wie in den "Losungen" schlagen einem vor, jeden Tag ein paar Verse in der Bibel zu lesen. Bei der so genannten "fortlaufenden Bibellese" kommt man in vier Jahren durch das Neue Testament durch und in sechs Jahren durch die wichtigsten Teile des Alten Testaments. Hilfreich ist es, besondere Bibelabschnitte oder Verse auswendig zu lernen, wie den Psalm 23 oder den Missionsbefehl in Matthäus 28 oder Johannes 3 Vers 16, wo in einem Vers das Evangelium brennpunktartig zusammengefasst ist: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben."

Man muss es nur tun! Ein Mann wie Martin Luther tat es. Wenn er es nicht getan hätte, dann hätte die Reformation nicht stattgefunden. Die Reformation der mittelalterlichen Kirche begann ja damit, dass Martin Luther die Bibel intensiv las und ernst nahm. Wie sehr hatte er sie geschätzt, wie oft hatte er sie gelesen! Er selbst schrieb einmal: „ Ich habe nun seit etlichen Jahren die Bibel jährlich zweimal ausgelesen, und wenn die Bibel ein großer, mächtiger Baum wäre und alle Worte die Ästlein, so habe ich alle Ästlein abgeklopft und wollte gerne wissen, was daran wäre und was sie trügen. Und allezeit habe ich noch ein paar Äpfel oder Birnen heruntergeklopft.“

Und heute? Wie viele Menschen lesen ihre Bibel überhaupt? Ich fürchte eher sehr wenige. Ich habe den Eindruck, dass die Bibelkenntnis allgemein immer mehr abnimmt. Wie viele lesen die Bibel von denen, die den Gottesdienst besuchen? Ich fürchte, wir kämen da auch auf erschütternde Zahlen. Nach einer Untersuchung sollen 5 Prozent der Evangelischen einigermaßen regelmäßig die Bibel lesen und ein Drittel der sogenannten "Kerngemeinde", also der Menschen, die regelmäßig die Gemeindeveranstaltungen besuchen. Ich frage mich, welche Zahl erschütternder ist. Es ist schon traurig genug, dass nur jeder 20. Evangelische die Bibel liest. Denn die evangelische Kirche versteht sich ja als Bibelbewegung. Noch trauriger finde ich es, dass nur jeder 3. der Gottesdienstbesucher die Bibel regelmäßig in die Hand nimmt, um darin zu lesen. Wie sieht es mit dir aus? Liest du die Bibel? Liest du Gottes Wort?

Wer dies tut, der findet in der Bibel Jesus Christus. Dort kann er ihm und seiner Liebe begegnen. Manche fragen ja skeptisch: Gibt es überhaupt Gott? Man kann ihn ja nicht sehen! Sicher, sehen kann ich ihn nicht, wie so vieles übrigens, das es trotzdem gibt, wie zum Beispiel die Luft oder unseren Verstand. Aber hören kann ich ihn gewissermaßen. In der Bibel gibt er Lebenszeichen von sich. Und ich kann sie wahrnehmen, wenn ich in ihr lese.

Im Neuen Testament begegnet uns Jesus nahezu auf jeder Seite. Ohne Jesus gäbe es kein Neues Testament, keine Evangelien, keine Briefe der Apostel oder die Offenbarung. Aber auch im Alten Testament ist er zu finden. Jesus ist seine geheime Mitte. In den prophetischen Büchern finde ich Vorhersagen auf sein Kommen. In den Psalmen finden sich Hinweise auf ihn. In vielen alttestamentlichen Personen spiegelt sich das Wesen von Jesus wieder und in vielen Geschichten sein Leben. "Sie ist's, die von mir zeugt", sagt hier Jesus. Er meinte das Alte Testament.

Aber seine Gesprächspartner können seinem Anspruch nicht zustimmen. "Ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet", sagt er ihnen. Es ist tragisch, tragischer geht es fast gar nicht. Die Pharisäer und Schriftgelehrten haben gewissermaßen die richtige Landkarte in der Hand. Sie suchen auf ihr das Ziel "ewiges Leben". Es ist auch klar und unmissverständlich eingezeichnet. Aber den Weg zu diesem Ziel gehen sie nicht.

Sehr merkwürdig. Woran liegt das bloß? Suchen sie doch nicht intensiv genug? Fehlt es an Verstand? Nein, es ist keine Frage der Intelligenz, ob einer Jesus in der Bibel findet oder nicht. Es kommt auch nicht auf sein Wissen oder seine Bildung an, ob einer an Jesus glaubt oder nicht. Glaube an Jesus ist keine Sache der Vernunft sondern des Herzens - und des Gewissens. Wer nur sich selbst sucht, seine eigene Ehre, wie Jesus hier sagt, findet Jesus nicht. Dies geschieht nur bei dem, der bereit ist, sich etwas von Jesus sagen zu lassen, bereit ist, sein Leben von ihm in Frage stellen zu lassen.

Sich selber suchen ist auch eine Gefahr für fromme Menschen, vielleicht sogar besonders für sie. Man will Gott dienen, aber es geht einem nur um einen selbst, um die eigene Ehre.

Vielleicht kennen wir das ja auch: Verletzt sein, empfindlich reagieren, wenn die eigene Ehre angekratzt wird? Schlaflose Nächte, weil dieses oder jenes über mich gesagt wurde - kennen wir das? Aber kennen wir auch schlaflose Nächte darüber, wie Gott mich sieht? Oder bereitet uns dieser Gedanke kein Kopfzerbrechen? Die Ehrsucht tötet die Liebe zu Gott ab. Deshalb kann es auch in christlichen Gemeinden so kalt sein.

Christsein kann auch ganz gewohnheitsmäßig, routinemäßig ablaufen. Man liest und hört schon Gottes Wort, aber es verändert sich nichts im Leben. Der Motor für das Christsein läuft schon noch. Aber er läuft im Leerlauf. Es bewegt sich nichts mehr. Es geht nichts mehr vorwärts. Man wird nicht mehr durch seine Sünde erschüttert und auch nicht mehr durch die vergebende Liebe Jesu überwältigt.

Mit anderen Worten: man ist in eine falsche, fromme Sicherheit hineingeraten. Es gibt für einen Christen nichts Gefährlicheres als so eine Entwicklung, sagte einmal Martin Luther. "Einem Gläubigen ist nichts schädlicher," so schreibt er, "denn dass er meint, er habe es schon ergriffen, und es sei nicht nötig, erst zu suchen; denn daher kommt es, dass viele zurückfallen und vor Sicherheit und Faulheit verwelken und lasch werden."

Ich habe nun eine Reihe von Fragen, die jeder von uns für sich beantworten muss: Bin ich bereit, mein Leben aus der Sicht Gottes zu sehen? Mich zu sehen als einen Sünder, der von Gott getrennt ist, als einen, der Vergebung braucht und ohne Jesus verloren geht? Bin ich bereit, ihm zu folgen und zu gehorchen, wenn er mich in seine Nachfolge ruft? Und bin ich bereit, ihm mein Leben anzuvertrauen? Wenn nein, hast du Jesus nicht gefunden und wirst ihn auch nicht finden, wenn sich deine Einstellung nicht ändert. Wenn ja, dann hast du die besten Voraussetzungen ihn zu finden oder hast es schon getan.

Nächste unangenehme Frage: Liegt uns mehr an der Anerkennung bei Gott als bei den Menschen? Das ist eine wichtige Frage. Christen in mehrheitlich muslimischen Ländern riskieren ihre Anerkennung in der Gesellschaft, ja oft ihre berufliche Existenz und manchmal sogar ihre Freiheit und ihr Leben, weil ihnen die Anerkennung bei Gott wichtiger ist als bei den Menschen.

Hier in Deutschland haben wir keine gesellschaftlichen Nachteile zu fürchten, wenn wir uns zu Jesus bekennen. Und doch haben wir Angst vor schiefen Blicken, vor ein paar dummen Sprüchen und Spott, wenn wir uns zu Jesus bekennen.

So wie jener Bundeswehrsoldat. Er war Mitarbeiter in der kirchlichen Jugendarbeit. Und er hatte Angst vor dem Spott in der Truppe. Nun kam er das erste Mal am Wochenende nach Hause. Sein Pfarrer fragte ihn: "Wie ging es dir jetzt als Christ? Hast du viel einstecken müssen?" "Nein", erwiderte der junge Mann, "sie haben mich in Ruhe gelassen. Es hat nämlich, Gott sei Dank, keiner gemerkt."

Sich zu Jesus zu bekennen, kann auch in Deutschland Mobbing am Arbeitsplatz, Spott in der Familie, Abrücken der Nachbarschaft bedeuten.

So berichtet eine Frau: Sie ist seit einigen Jahren verwitwet. Nach einer Beerdigung kommt sie mit einer Nachbarin ins Gespräch. Auch diese hat ihren Mann verloren und leidet sichtbar. Jene Frau erzählt nun dieser Nachbarin offen, wie ihr das Gebet und die Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Hilfe ist. Sie bezeugt, dass sie durch Christus eine Hoffnung hat, selbst für ihren verstorbenen Mann, weil sie ihn in Gottes Händen geborgen weiß. Doch nach jenem Gespräch wird sie von der Nachbarin gemieden. Immer wenn sie sich im Dorf treffen, wechselt sie die Straßenseite. Das war das Ergebnis ihres offenen Bekenntnisses. Hätte sie also lieber schweigen sollen? Jene Frau sagte zu dieser Frage: "Wie kann ich denn verschweigen, was mir wichtig ist?"

Sich von der Reaktion der Menschen abhängig machen, nur das sagen, was sie hören wollen oder vermeintlich hören wollen, verbaut auch den Zugang zu Gott.

Jesus warnt in seinen Worten vor einer Frömmigkeit, die ihn nicht kennt. Ich kann in der Bibel lesen, ohne Jesus gefunden zu haben. Ich kann mich in der Kirche engagieren, ohne Jesus zu kennen. Ich kann den Gottesdienst besuchen, und habe doch keine Beziehung zu Jesus.

Jesus warnt, aber er schreibt nicht ab. Er ringt um seine Kritiker. Er lässt sie nicht einfach stehen und wendet sich von ihnen ab. Deshalb haben auch unter den Schriftgelehrten Menschen zum Glauben an Jesus gefunden. Deshalb finden bis auf den heutigen Tag Menschen diesen Heiland Jesus Christus. Dieses Wunder geschieht bis auf den heutigen Tag. Denn Jesus sucht -durch das Wort der Bibel.

So fand man einmal an der Küste Spaniens nach dem Untergang eines deutschen Handelsschiffes eine Menge Matrosenkleider am Ufer. Diese von Salzwasser durchtränkten Matrosenkleider kaufte eine spanische Papierfabrik und ließ sie auftrennen, um sie zu verarbeiten. Da entdeckte man zwischen Oberzeug und Futter einer Matrosenjacke ein deutsches Neues Testament. Dieses wurde mit anderen gefundenen Papieren an die Deutsche Botschaft nach Madrid gesandt. Auf dem ersten Blatt dieses Testamentes stand geschrieben: "Markus Rottmann 1864. Das erste Mal gelesen um der Bitte meiner Schwester Lotte willen. Das zweite Mal gelesen aus Angst um meiner Seele willen. Das dritte und alle anderen Male aus Liebe zu meinem Heiland Jesus Christus gelesen!"

Dieser Matrose ist Jesus beim Bibellesen begegnet. Es hat eine Weile gedauert. Wir spüren die Widerstände und den inneren Kampf. Aber dann öffnete er Jesus sein Leben. Er hörte in den Worten der Bibel seine Stimme. Dann lernte er ihn im Glauben kennen und lieben. "Das dritte Mal und alle die anderen Male aus Liebe zu meinem Heiland Jesus Christus gelesen!"

Die Bibel rettet Leben. Manchmal das irdische Leben wie bei jenem Busfahrer, von dem ich zu Beginn erzählt habe. Und vor allen Dingen schenkt sie ewiges Leben, wie jenem Matrosen. Dieses Wunder geschieht bis auf den heutigen Tag und kann auch in Zukunft geschehen -bei uns allen.

Amen