Bayreuth, den 30.07.2017 "Ein feste Burg ist unser Gott"

Liebe Gemeinde! 

Heftige Zeiten, Zeiten voller Not und Schwierigkeiten, wir alle kennen das wohl. Auch Luther kannte solche Zeiten. In solchen Zeiten hat er dieses Lied "Ein feste Burg ist unser Gott" geschrieben und wohl auch die Melodie dazu verfasst.

Es liegt nahe, dass Luther dieses Lied auf der Wartburg verfasst hat. Damals sprach er auf dem Weg nach Worms zum Reichstag die mutigen Worte: "Und wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollte ich doch hinein." Vielleicht mag die Erinnerung an diesen Bergungsort auf der Wartburg beim Schreiben des Glaubensliedes eine Rolle gespielt haben. Dort, hoch über Eisenach, war er ja sicher vor den Nachstellungen seiner Feinde. Dort konnte ihm kein Papst, kein Kaiser, etwas antun. Dort war er geborgen.

Tatsächlich ist aber "Ein feste Burg" etwa sechs Jahre später entstanden, in den Jahren 1527/28. 1529 tauchte es das erste Mal in einem Gesangbuch auf und wurde zu einem der beliebtesten und bekanntesten Lieder Martin Luthers, ja zu der Hymne der Reformation.

1526 fing gut an. Sein ältester Sohn Hans wurde geboren. Gegen alle Widerstände setzte sich in Deutschland die Predigt des Evangeliums immer mehr durch.

Doch dann, im Jahr drauf, kam es für Luther knüppeldick. Er hatte gesundheitliche Schwierigkeiten. Gallen- und Nierensteine quälten ihn. Dann verspürte er lebensgefährliche Herzbeklemmungen. Todesangst überfiel ihn. Einmal brach er vor den Augen eines Freundes ohnmächtig zusammen. Er kam zwar wieder zu sich. Aber er rechnete mit seinem nahen Tod.

Am schlimmsten waren für ihn seine Anfechtungen. Er fühlte sich in den Tod und in die Hölle geworfen, erzählte er später. Christus schien ihm fern, sein Glaube ihm nicht zu helfen. Er war der Verzweiflung nahe. Die Gebete seiner Freunde, so Luther, hätten ihn aus der Tiefe der Hölle gerissen, ihn geschützt und gedeckt.

Dann brach auch noch die Pest in Wittenberg aus. Die Universität wurde nach Jena verlagert. Der Kurfürst forderte Luther mit seiner schwangeren Frau und seinem Kind auf, Wittenberg zu verlassen. Aber dieser folgte nicht. Er wollte seine Gemeinde nicht im Stich lassen.

Für die wenigen zurückgebliebenen Studenten hielt er weiter Vorlesungen. Er besuchte Kranke, ja nahm sogar Gemeindeglieder in seinem Haus auf. Verschiedene Mitbewohner erkrankten, auch sein eigener Sohn Hans.

In diesen Tagen erreicht Luther die Nachricht, dass Leonhard Kaiser hingerichtet wurde. Dieser war ein Prediger des Evangeliums. Der Bischof von Passau hatte ihn ergreifen und als Ketzer verurteilen lassen. In der Stadt Schärding wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Tiefe Trauer um diesen Märtyrer des Glaubens ergriff Luther.

In den eigenen Reihen kam Streit auf, vor allen Dingen über das rechte Verständnis des Abendmahles. Die Einheit der Reformation ist gefährdet. Zu diesen Sorgen kam auch noch die Gefahr durch die Türken. Ihre geballte militärische Macht bedrohte in diesen Jahren das christliche Abendland.

Hinter seinen persönlichen Nöten, hinter der Bedrängnis der reformatorischen Bewegung und den Bedrohungen der abendländischen Christenheit sah Luther eine bestimmte Macht am Werke. Er nennt ihn in seinem Lied den "altbösen Feind" und den "Fürsten dieser Welt". Es ist der Satan, der Teufel.

Spricht hier Luther als ein Kind seiner Zeit, als ein Mensch des ausgehenden Mittelalters, wenn er nicht nur in diesem Lied so deutlich vom Teufel spricht? Bestimmt nicht.

Natürlich weiß die moderne Medizin mehr über die Therapie von Nierensteinleiden, Herzerkrankungen oder Depressionen als Luther und die Ärzte seiner Zeit. In der heutigen Zeit hätte der Reformator körperlich und seelisch nicht so viel leiden müssen.

Aber es gibt nicht nur eine sichtbare sondern auch eine unsichtbare Welt, die uns umgibt. Es gibt unsichtbare Kräfte und Mächte, die uns beeinflussen, gute und eben auch böse. Der Mensch besteht nicht nur aus Körper und Seele und wird nicht nur beeinflusst durch Erziehung oder andere Menschen und prägende Ereignisse in seinem Leben. Der Mensch ist auch Geist, durch den die unsichtbare Wirklichkeit Gottes und des Teufels Zugang zu einem hat. Deswegen hat Luther recht, wenn er sagt, dass der Mensch einem Reittier zu vergleichen ist. Entweder reitet mich Gott oder der Teufel. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Die Bibel spricht an den verschiedensten Stellen vom Teufel, im Alten wie im Neuen Testament. Jesus und die Apostel Paulus, Johannes, Judas und Petrus reden von ihm. Sollten sie alle nur in den Vorstellungen ihrer Zeit gefangen sein? Die biblischen Zeugen klingen anders. Sie reden vom Teufel so, als ob sie ihn erfahren hätten – in ihrem eigenen Leben.

Und es ist wirklich so. Vieles in unserem Leben und auch in der Weltgeschichte können wir nur verstehen, wenn wir an die Realität des Teufels glauben. Er ist sicher nicht das, was man aus ihm gemacht hat, eine Spukgestalt mit Hörnern und Pferdefuß, oder eine Märchenfigur, die man mit ein bisschen Bauernschläue aufs Kreuz legen kann. Er ist vielmehr ein hoch intelligenter Geist, seit Urzeiten ein mächtiger Gegenspieler Gottes. Der Teufel ist auch ein genialer Psychologe, der die Fehler und Schwächen der Menschen gnadenlos ausnutzt, um sie auf seine Seite zu ziehen, auf die dunkle Seite.

Es gibt den Satan, auf deutsch „den Widersacher“, den großen Gegner Gottes. Er ist das Böse in Person, der alle guten Pläne Gottes durchkreuzen und kaputt machen will. „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist.“

Auch Luther hat in diesen Jahren 1527 und 1528 in seinem persönlichen Leben, in politischen und kirchlichen Ereignissen den Teufel am Werk gesehen. All diese schlimmen Ereignisse haben ihn zutiefst belastet. Aus solchen Nöten und Anfechtungen heraus hat Luther "Ein feste Burg" geschrieben. Es ist ein Lied für den angefochtenen einzelnen Christen und die bedrängte Christenheit.

Mit diesem Lied will er Mut machen, in finsteren Zeiten Gott und seinem Sohn Jesus Christus zu vertrauen, erst recht und noch viel mehr zu vertrauen als in so genannten guten Zeiten. Die Macht des Teufels ist zweifellos groß. Aber viel größer ist die Macht Jesu. Bei ihm können wir geborgen sein wie die Bewohner einer Burg hinter den schützenden Burgmauern. In allen Stürmen des Lebens gibt es einen Ruheort. Das ist Christus.

Krankheiten können unser Leben und das unserer Lieben bedrohen. Rabenschwarze Gedanken können unsere Seele quälen, Depressionen uns nach unten ziehen. Die Sorge um die kirchliche und politische Lage mag uns niederdrücken. All das hat Luther ja Ende der 1520er Jahre erlebt. Aber wir haben einen Zufluchtsort, wo wir Frieden und Geborgenheit finden können. Wer seine Nöte im Gebet Christus anvertraut, der kann erfahren, dass Sorgen von einem abfallen und er auf einmal geborgen ist.

Jeder kann sich in Ängsten und Nöten seines Lebens zu Jesus hinflüchten, wie in früheren Zeiten Menschen in eine befestigte Burg. Dann ist er auch vor feindlichen Angriffen und Zugriffen beschützt. Bei Jesus ist der Friede. Jeder kann ihn seinem Leben erfahren, wer mit allem, was ihn bedrückt, zu ihm kommt. Er braucht nur zu beten: "Herr Jesus, hier lege ich alles hin, was mich quält und belastet. Ich bitte dich: Nimm mir das doch alles ab. "

Wer um diesen Frieden bittet, der hat ihn, ob er etwas spürt oder nicht. Er ist dann in dem Raum des Friedens, den Jesus geschaffen hat, durch sein Sterben am Kreuz, wie geborgen.

Luther betete in den schweren Zeiten, die ich eben beschrieben habe. Und er bat auch um Fürbitte. In den Pesttagen von Wittenberg schrieb er: "Darum befiehl uns den Brüdern und dir selber, dass ihr für uns betet, dass wir die Hand des Herrn tapfer ertragen und des Satans Macht und List besiegen, es sei durch Tode oder Leben."

Da endete die Pestseuche im Dezember 1527 so plötzlich, wie sie gekommen war. Die Hausbewohner Luthers, auch sein geliebter Sohn Hans wurden wieder gesund. Luthers Frau Käthe brachte ein gesundes Kind zur Welt.

Er hat in diesen Tagen, so schrieb Luther am Neujahrstag 1528, die Macht des Teufels erfahren, der ihn in die Tiefe ziehen wollte. Er vertraue aber fest auf den Sieg Jesu.

Christen stehen auf der Seite des Siegers. Das ist Jesus. An ihn dürfen wir uns wenden, im Gebet, und wenn es nur der kurze Satz ist: „Jesus, hilf mir!“ Das ist das Beste, was wir tun können. Denn er hat von Gott alle Macht im Himmel und auf Erden übertragen bekommen. Er ist auch stärker als alle dunklen Mächte, die uns gefangen nehmen wollen oder es schon getan haben. Er, nicht wir, wird mit ihnen fertig.

Nur wenn wir ihn im Kampf mit finsteren Mächten ins Spiel bringen, haben wir eine Chance. „Mit unserer Macht ist nichts getan. Wir sind gar bald verloren. Es streit für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren“, heißt es in dem Lutherlied.

Finstere Mächte mögen sich als die Herren in unserem Leben und in der Weltpolitik aufspielen. Zweifellos hat Satan als "Fürst dieser Welt" große Macht. Aber diese Macht wird dann gebrochen, wenn wir Jesus mit ins Spiel bringen und seinen Namen anrufen. "Ein Wörtlein kann ihn - also den Teufel - fällen", schreibt Luther in seinem Lied. Dieses Wörtlein heißt "Jesus". Ich gebe Ihnen eine guten Ratschlag: Rufen auch Sie in Ihrer Not ganz gewusst diesen Namen von Jesus an. Sie werden Hilfe erfahren.

Vor Jahren habe ich einmal Folgendes erlebt: Meine Frau und ich waren im Winter mit dem Auto unterwegs, auf der A 9 Bayreuth - Nürnberg. Plötzlich fing es an zu schneien. Unerwarteter Wintereinbruch - mit Sommerreifen! Bald war die Fahrbahn mit Schnee bedeckt. Als es eine Steigung hinaufging, drehten die Räder durch. Ich musste immer langsamer fahren und schaltete immer weiter zurück, doch auch im ersten Gang drehten die Räder durch. Hinter mir sah ich, wie schon einige Autos wieder die Fahrbahn hinunterrutschten. Da rief ich in meiner Not nur dies eine Wort: "Jesus!" Als ob unser Auto nun von hinten angeschoben würde, schafften wir die Steigung. Es war uns ein großes Wunder, durch das Eingreifen Gottes, genauer gesagt durch Jesus Christus.

Wir wollen dem Teufel nicht zu viel Respekt gegenüber bringen und uns zu sehr und zu lang mit dem beschäftigen, was er in unserem Leben, in der Weltgeschichte und auch Kirchengeschichte fertig gebracht hat. "Ein kurzer, scharfer Blick", so der Theologe Karl Barth, reicht für seine Untaten aus. Viel mehr und viel länger sollen wir uns mit dem beschäftigen, was Jesus getan hat, in unserem Leben, in der Weltgeschichte und auch in der Kirche.

Ein Student der Theologie hatte als Prüfungsarbeit über das Thema zu schreiben: „Der Gedanke der Allmacht Gottes und die Wirklichkeit des Teufels.“ Vier Stunden standen ihm zur Verfügung. Der Student schrieb und schrieb. Er schrieb von der Allmacht Gottes, von seiner Größe, von seiner Liebe, von seiner Barmherzigkeit, ohne rechtzeitig ans Ende zu kommen. Die Zeit war um, und er hatte noch kein Wort über den Teufel geschrieben. So schloss er seinen Aufsatz einfach mit den Worten: „Keine Zeit für den Teufel.“

Was die Professoren davon gehalten haben, weiß ich nicht. Mir aber hat dieser Schluss viel zu sagen. Wer sich in seinem Leben mit dem beschäftigt, was Gott getan hat, mit seiner Liebe und seiner Allmacht, wer immer wieder über das nachdenkt und dafür dankt, was Jesus für ihn getan hat, wie er am Kreuz alle teuflischen Mächte besiegt hat, wie er doch alle Macht im Himmel und auf der Erde hat, wer an ihn glauben und das tun, will, was ihm gefällt, der hat für das Böse keine Zeit mehr. Es verliert immer mehr an Einfluss, es verhungert.

Auch wir können erfahren: Jesus ist stärker als alles, was unser Leben zerstören und kaputt machen will. Wir können Dinge erleben, die über unsere natürliche Kräfte gehen, Ereignisse, von wir sagen; "Alles, nur das nicht!" Wohl das Schlimmste für viele ist der Tod von Kindern und vom Ehepartner. Davon spricht Luther in der letzten Strophe. Realistisch rechnet er damit: Alles kann mir genommen wird, nicht nur mein Besitz und mein guter Ruf sondern auch meine Familie. Aber, so Luther, "das Reich muss uns doch bleiben", das heißt die Hoffnung auf die Ewigkeit.

Dort ist unsere eigentliche Heimat. Dort dürfen wir einmal Jesus sehen. Dort dürfen wir auch denen wieder begegnen, die den Weg des Glaubens vorangegangen sind, denen wir hier auf dieser Erde nahe standen, und die vor uns schon in die Ewigkeit gegangen sind.

Wir dürfen uns mit den Worten eines alten Glaubensliedes trösten: "Dort vor dem Throne im himmlischen Land treff' ich die Freunde, die hier ich gekannt, dennoch wird Jesus und Jesus allein Grund meiner Freude und Anbetung sein."

Amen