Bayreuth, den 10.9.17 Markus 3, 31-35

Liebe Gemeinde! 

"In einer Familie ist die Frau die Regierung, der Mann das Volk und die Kinder die Opposition". So übertrieben dieser Satz sicher ist, auf so manche Familie passt er schon. Irgendwie passt er sogar für die Familie Jesu.

Die Mutter Maria tritt in unserer Geschichte als Boss auf. Sie ist die treibende Kraft, die Jesus wieder in den Schoß der Familie und zur Vernunft bringen wollte. Von Joseph hören wir hier nichts. War er mit dem Handeln seiner Frau einverstanden? Oder lebte er gar nicht mehr? Vermutlich eher Zweiteres. Vielleicht fehlte ja zu hause im Betrieb des Vaters der älteste Sohn, also Jesus, ganz besonders, wenn Joseph nicht mehr lebte. Und vielleicht war das ja auch ein Grund für die versuchte Rückholaktion der Familie.

Aber Jesus spielte bei diesem Versuch nicht mit. Er lässt sich nicht von seiner Familie dirigieren. So wie ja auch die Opposition nicht das tut, was die Regierung will. Für seine Mutter und seine Geschwister benimmt er sich wie ein Verrückter. Als er um die 30 ist, lässt er seine Zimmermannsaxt zu hause liegen, verlässt seine Heimatstadt Nazareth und zieht mit zwölf Männern durch das Land. Er fängt an zu predigen, aber ganz anders, als es die Leute von anderen Predigern gewohnt waren. Bei ihm war es so, als ob sie Gott selber reden hörten. Und so war es ja auch. Aber nicht alle waren begeistert. Manche waren auch entsetzt. Vor allen Dingen die religiösen Führer von damals. Was er sagt, ist Gotteslästerung, empörten sie sich. Denn er erhebt den Anspruch, Sünden zu vergeben. Und das kann nur Gott. Dann setzt sich Jesus auch souverän über das Feiertagsgebot hinweg und heilt am Sabbat Kranke. Solches Benehmen sah nach Größenwahn aus.

Da beschließt die Familie Jesu, das schwarze Schaf nach Hause zu holen, denn - so lautet die Begründung: Er ist verrückt. So steht das tatsächlich hier, in Markus 3 Vers 21. Kaum zu glauben, dass Maria, wenigstens zu diesem Zeitpunkt, auch so dachte. Sie wusste ja, wer ihr Sohn war. Der Engel Gabriel hatte es ihr ja vor seiner Geburt gesagt. Er ist der Sohn Gottes. Eigentlich kann man sich ja denken, dass er dann nicht immer das tut, was die Familie will. Aber Maria war eben auch, wie so viele Mütter, um ihren Sohn besorgt.

Wenn es damals psychiatrische Kliniken gegeben hätte, hätte seine Familie ihn dort wohl einweisen lassen. Sie hätten ihn eine Heil- und Pflegeanstalt gesteckt.

Das kann jedem passieren, der es mit seinem christlichen Glauben ernst nimmt, der nicht nur mit der Masse mitschwimmt und das tut, was alle tun, sondern der ganz und gar Jesus gehören möchte. Er kann für verrückt erklärt werden oder sich mit seiner Familie verkrachen. Wenn ein Hindu Christ wird, wird er aus seiner Familie ausgeschlossen. Das ist der Preis, den Millionen Hindus gezahlt haben, um Christen zu sein. Wenn ein Muslim Christ wird, muss er in islamischen Ländern damit rechnen, diskriminiert, verfolgt, gequält, in manchen Fällen sogar getötet zu werden. Das ist der Preis, den viele Muslime zahlen, um Christen zu werden.

Wir haben in Deutschland wesentlich gemäßigtere Preise. Aber irgendeinen Preis musst auch du zahlen. Du kannst für verrückt erklärt werden. So ist es mir passiert, als ich einmal als Schüler in der Schule Plakate für eine christliche Veranstaltung aufhing. Da wurde ich von einem Schulkameraden für verrückt erklärt. Du kannst Freunde verlieren. Sie ziehen sich von dir zurück, weil sie denken: "Mit dem oder der kann man nichts mehr anfangen. Der oder die ist jetzt fromm geworden." Zumindest kann man dich als "Betschwester" oder "Betbruder" belächeln. Es gibt in Deutschland junge Menschen, die sich zwischen Jesus und ihrer Familie entscheiden mussten, um in den Himmel zu kommen und dafür die Hölle auf Erden haben.

Auch das hat Jesus vorausgesagt - in Matthäus 10: "Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert."

Jesus ist nicht familienfeindlich. Er hätte die Worte Kurt Tucholskys kaum nachgesprochen: "Als Gott am sechsten Schöpfungstag alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da." Jemanden, der Jesus nach dem Leben fragte, hat er neben anderen Lebensregeln auch die gesagt: "Ehre Vater und Mutter."

Jesus hat die Familie gewollt als kleinste Zelle der Gesellschaft. Und wenn diese Zelle krank ist, geht die ganze Gesellschaft daran kaputt.

Wir leben in einer Zeit, in der die Familie zerfällt. Früher war sie eine Tankstelle, jetzt ist sie nur noch eine Garage. Bei vielen ist sie durch Ehebruch und Ehescheidung nur noch eine Ruine. Wir Christen haben allen Grund, unser Familienleben nach dem Willen Gottes zu gestalten. Die Familie ist eine der höchsten Werte, den Gott uns gegeben hat. Aber wenn die Familie zum Abgott wird oder zur Fessel, die dich hindert, mit Jesus zu leben, dann hat Jesus die Vorfahrt und du nur eine Möglichkeit: dich gegen die Familie zu entscheiden.

Da sind wir durchaus in guter Gesellschaft. Es gibt eine Liste berühmter ungehorsamer Söhne. Sie beginnt mit Paulus, der sein jüdisch-frommes Elternhaus im Stich ließ. Sie geht weiter mit Franz von Assisi. Der warf seinem Vater die Kleider auf dem Markt zu Perugia hin, als der ihn vor dem Bischof als sein "Eigentum" beanspruchte. Dazu gehört Martin Luther, der seinen Vater Hans zum Toben brachte mit dem Entschluss, Mönch zu werden. Sie geht weiter mit dem Missionar Sadhu Sundar Singh, der seine Religion wechselte und Christ wurde, trotz des erbitterten Widerstandes seiner Familie, die ihn sogar zu vergiften versuchte. Und diese Liste endet mit dem großen Indienmissionar Stanley Jones, der seine krebskranke Mutter verließ.

An erster Stelle im Leben kann nur Gott, nichts und niemand anders stehen. Es gibt kein "Gott und…". "Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen", so legt Luther das 1. Gebot aus.

Nun kann man natürlich fragen: Und was habe ich jetzt davon wenn ich radikal Jesus nachfolge? Was habe davon, wenn nur Schwierigkeiten bekomme, wenn ich das tue?

Die Antwort lautet: Ein neues Zuhause, eine neue Familie. Es gibt eine Familie, in der Jesu Wort, sein Wille und das Gebet im Mittelpunkt stehen. Das ist die Gemeinde. Jesus nennt die, die zu dieser Gemeinschaft gehören, hier seine Schwestern und Brüder. Es sind diejenigen, die Gottes Willen tun.

Das heißt, es ist eine einzigartige Familie. Denn in eine normale Familie werde ich hineingeboren. Ich gehöre durch Geburt dazu, ob ich will oder nicht. Bei der Familie Gottes ist das anders. Ich gehöre zu ihr nicht durch meine Geburt, auch nicht ausschließlich durch meine Taufe. Wenn einer aus einer kirchlichen Familie stammt, heißt das noch lange nicht, dass er zu Jesus gehört.

Als wichtigstes Kennzeichen für einen Christen, ein Kind Gottes, nennt Jesus den Gehorsam. Ich kann mich nicht Christ nennen und kümmere mich überhaupt nicht nach dem Willen Gottes sondern lebe so, wie es mir passt. Ein Kind Gottes richtet sich nach dem, was sein Vater ihm zu sagen hat. Es hört auf sein Wort und handelt auch danach und zwar nach dem Motto der "drei G": ganz, gern und gleich.

Ein Kind Gottes hört auf das, was Gott ihm in seinem Wort verspricht. Und diesen Gehorsam nennt die Bibel Glauben. Wir können Gott keinen größeren Gefallen tun, als ihm zu vertrauen, ihn bei seinem Wort zu nehmen. Und die zentrale Botschaft der Bibel, die wir glauben dürfen, lautet: Gott meint es gut mir dir, so gut, dass er für dich einen Retter in diese Welt geschickt hat, Jesus Christus. Und der will dein Herr sein, dein Leben und deine Zukunft in seine Hand nehmen. Und er will vor allen Dingen dir immer wieder deine Schuld vergeben und dich zu einen neuen Menschen umgestalten.

Wer ohne dieses Angebot eines neuen Lebens auskommen kann, wer das alles nicht braucht, der wird von diesem Glauben die Finger lassen. Wer aber gespürt hat: "Ja, ich brauche jemanden, dem ich mich in allen Lagen meines Lebens anvertrauen kann, der für mich sorgt, so dass ich mir keine Sorgen mehr zu machen brauche. Ja, ich brauche vor allen Dingen Vergebung meiner Schuld und mein Leben sollte anders sein. Ja, ich sollte nicht mehr so egoistisch und lieblos sein", dem, der so eingestellt ist, der wird doch gerne den entscheidenden Schritt seines Lebens machen, der wird doch zugreifen, wenn Gott ihm seine Gnade anbietet.

Dieser Glaube ist nichts Kompliziertes sondern etwas sehr Einfaches. Gott bietet dir seine Vergebung an, seine Liebe, seine Geborgenheit, auch heute in dieser Predigt. Und du brauchst dieses Geschenk nur zu nehmen und "Danke" sagen und dann gehört es dir.

Wer zweifelt, der beleidigt Gott. Das ist genauso, wie wenn mir jemand ein großzügiges Geschenk anbietet und ich nehme es nicht an. Muss sich der Geber dann nicht wie vor den Kopf geschlagen fühlen?

Aber wer glaubt, der empfängt das Paket der Liebe Gottes und darf sich darüber freuen, dass es nun auch ihm gehört, wie vielen Millionen Menschen vor ihm auch.

Er gehört dann einer neuen Familie an, der Familie Gottes. Durch Christus gehören wir zu einer Gemeinschaft, in der wahr werden kann, was einmal jemand so beschrieben hat: "Christen tragen einander, wenn es auch unerträglich erscheint, verstehen einander, wenn es auch kaum noch zu verstehen ist, lieben einander, weil sie miteinander leiden, und beten füreinander, bis sie einander lieben."

Der gehört also zu der Familie Jesu dazu, der auf die Worte Jesu hört und ihnen vertraut. Und das dritte, was zu sagen ist: Der gehört dazu, der die Nähe Jesu sucht. Er geht gern dorthin, wo Menschen im Namen des dreieinigen Gottes zusammen kommen. Er lässt sich von den Worten Jesu ansprechen, lässt sich von seinen Verheißungen anlocken wie von dem Wort: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken." Diese Familie Jesu trifft sich gerne immer wieder, um die Nähe ihres Herrn und Bruder zu erfahren, in seinem Wort und wie heute auch in seinem Abendmahl.

Die natürliche Familie Jesu stand zu Beginn seiner Wirksamkeit ihrem Sohn und Bruder skeptisch und kritisch gegenüber. Hier in unserem Predigttext heißt es: Sie stand "draußen", während "drinnen" im Haus seine eigentliche Familie war. Aber bei diesem "draußen" blieb es nicht.

Eines der Letzten Worte Jesu vor seinem Tod am Kreuz war an seine Mutter gerichtet. Er wies sie an seinen Jünger Johannes, der nun für sie sorgen sollte. So sehr lag ihm ihre Versorgung als Witwe am Herzen. Eine der letzten Erscheinungen des auferstandenen Jesus galt seinem Bruder Jakobus. Dadurch gewann er ihn wohl für den Glauben an sich. Maria und die Brüder Jesu hielten sich später zu der Gemeinde. So können wir es in der Apostelgeschichte nachlesen. Von zwei Brüdern Jesu stehen Briefe im Neuen Testament, von dem schon erwähnten Jakobus und von Judas. So findet die natürliche Familie von Jesus doch noch den Weg zur geistlichen Familie. Nun steht die Familie nicht mehr draußen, jetzt sitzt sie drinnen: Jetzt hört sie und vertraut den Worten Jesu.

Diese Entwicklung kann für die ein Trost sein, die darunter leiden, dass ihre Familie den Glauben nicht teilt, der ihnen so wichtig geworden ist. Selbst die Familie von Jesus fand erst nach seinem Tod und seiner Auferstehung zu ihm.

So können auch Eltern, Geschwister, Ehemänner, Ehefrauen, Kinder und Enkel, die zur Zeit nichts vom Glauben an Jesus wissen wollen, auch noch zu der Familie Jesu dazukommen. Nicht durch unsere Vorwürfe, nicht durch unsere Sorgen, aber durch unsere Gebete und vor allen durch unser Vertrauen auf die Zusagen Gottes wie die in der Apostelgeschichte: "Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du und dein Haus selig werden."

Gott kann dir den Kummer über nicht glaubende Verwandte vom Herzen nehmen. Darum kannst du beten. Das darfst du Gott zutrauen.

Amen