Bayreuth, den 24.12.03 Lukas 2,8-11

Liebe Gemeinde! 

"Fürchtet euch nicht!" Diesen Mut machenden Satz hören die Hirten auf dem Feld von den Engeln. "Fürchtet euch nicht!" Ich denke, diesen Satz können wir alle auch immer wieder gut gebrauchen, vielleicht auch gerade heute in diesem Gottesdienst.

Den Deutschen sagt man nach, ein besonders ängstliches Volk zu sein. Verschiedene Studien untermauern diese Meinung. Wir Deutsche neigen dazu, uns große Sorgen zu machen. Und die Bayern erst recht. Bayern ist das ängstlichste Bundesland im Westen. Und gleich drei Themen lösen bei uns so starke Ängste aus wie in keinem anderen Bundesland: Spannungen durch den Zuzug von Ausländern, Überforderung von Bürgern und Behörden durch Asylbewerber und hohe Kosten durch die EU-Schuldenkrise. Überdurchschnittlich hoch ist in Bayern auch die Angst vor Terroranschlägen.

Ob wir nun zu den Menschen gehören, die viel oder wenig Angst haben: Angst gehört zum Menschsein dazu. Auch wenn wir meinen, von ihr frei zu sein, so kann sie einen doch urplötzlich packen, von einer Sekunde auf die andere. Auch den Hirten in der Weihnachtsgeschichte erging es so. Sie hatten keinen beneidenswerten Arbeitsplatz. Schafe hüten war Knochenarbeit, dazu gefährlich und nicht sonderlich angesehen bei den Leuten. Aber sie hatten wenigstens Arbeit. Bei der Nachtschicht packte sie plötzlich die Angst. Ein helles Licht erhellte die Nacht, kein gewöhnliches Licht. Es war ein Lichtschein aus einer anderen Welt, der Welt Gottes.

Man kann verstehen, dass die Hirten zunächst erschrocken waren, als das Licht dieser anderen Wirklichkeit in ihr dunkles Leben hineinleuchtete. Wer weiß, was alles in ihnen hochgekommen ist. Sie erinnerten sich vielleicht an altes Unrecht. Alles Böse und Gemeine ihres Lebens stand auf einmal ganz deutlich vor ihnen. Es gab kein Ausweichen mehr, kein Verkriechen in dunkle Schlupflöcher der Entschuldigungen und des Vergessens. Und jetzt, jetzt, so dachten wohl die Hirten, kommt die Stunde der Abrechnung, die Strafe für alles Unrecht in ihrem Leben.

Wohin mit der Angst? Wohin mit den kleinen und großen alltäglichen Ängsten, der Angst vor der nächsten Schulaufgabe, vor dem nächsten Arbeitstag, vor dem nächsten Gang zum Arzt? Wohin auch mit der sehr viel tiefer sitzenden Urangst? Es ist die Angst, dass mein Leben sinnlos gewesen ist, die Angst, dass ich irgendeinem Schicksal ausgeliefert bin, die Angst vor dem Sterben und dem, was vielleicht nach dem Tod kommt.

Ja, was soll ich denn nun machen, wenn die Angst einen überkommen will? Das altbekannte Mittel Alkohol hat sich für die Angstbewältigung nicht bewährt. Du kannst zwar versuchen, dir "Mut anzutrinken", aber deine Angst spülst du damit nicht weg. Spätestens am nächsten Morgen tauchen die gleichen Probleme wieder auf. "Versuch dich abzulenken, durch Kino, Fernsehen, auf Partys!" Aber in der Nacht kriecht die Angst doch mit unter die Bettdecke und lässt einen nicht schlafen.

Was hilft denn nun gegen die Angst? Wenn Angst krankhaft wird, sicher ein guter Therapeut. Aber davon möchte ich heute Abend nicht reden. Hilfe für die Hirten der Weihnachtsgeschichte kam aus dem Munde eines Engels. "Engel" ist ein griechisches Wort und heißt eigentlich "Bote", ein Bote Gottes. Wir alle brauchen solche Boten Gottes, die uns ein gutes, hilfreiches Wort sagen. Es müssen keine "Männer mit Flügeln" sein, wie es in einem Gedicht von Rudolf Otto Wiemer heißt. Es können auch ganz normale Menschen sein.

Heute Abend möchte ich für Sie ein Engel sein, mit der gleichen Botschaft wie sie die Hirten auf dem Feld hörten: "Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll. Denn euch ist heute der Heiland geboren."

Aber, so kann man fragen, wo ist denn nun dieser Heiland, dieser Retter, über den man sich freuen kann? Wir leiden ja oft darunter, dass wir Gott nicht sehen oder von seinem Eingreifen nichts spüren können. Andere Mächte scheinen in unserem Leben die Oberhand zu haben: Angst vor der Zukunft, Krankheit, Trauer um einen lieben Menschen, finanzielle Nöte, Schwierigkeiten mit den Nachbarn, Krach mit der Familie, persönliche Schuld. Das ist doch oft genug unsere Wirklichkeit. Und wo ist da Gott?

Genau auf diese Frage gibt ja Weihnachten eine Antwort. Gott ist nicht weit weg. Sondern er ist ganz nahe. Am ersten Heiligabend vor über 2000 Jahren kam er in diese Welt hinein. Er wurde Mensch. Unter armseligen Bedingungen wurde er geboren. Seine Mutter legte ihn in eine Futterkrippe. Wir kennen diese Worte. Und sie bedeuten für uns Folgendes:

Gott sitzt nicht ganz cool auf Wolke Nummer 7 und schaut mehr oder weniger interessiert zu, wie die Menschen ohne ihn mit ihrer Angst kaputt gehen. Nein, die Angst seiner Geschöpfe hat ihn zum Handeln veranlasst. Sie hat Gott in seiner Liebe zu uns getrieben. Er kommt uns in Jesus ganz nah, bis in die Tiefe unserer Angst.

Jesus weiß, was Angst ist. Am Abend vor seinem Tod war er mit seinen Freunden in einem Garten zusammen. Da kam die Angst zu ihm, auch zu ihm, die nackte Todesangst. Seine Freunde schliefen alle ein. Ganz allein war er nun mit dieser Angst. Sie wollte ihn kaputt machen. Doch sie konnte ihn nicht fertig machen. Denn Jesus machte das, was auch ein Kind in seiner Angst tut. Er ging zu seinem Vater. Er betete: "Mein Vater, wenn es möglich ist, so bewahre mich vor diesem Leiden. Dir ist alles möglich. Aber nicht, was ich will, sondern was du willst, soll geschehen." Und sein Vater ließ ihn nicht im Stich, gab ihm neue Kraft für das, was in den nächsten Stunden auf ihn zukommen sollte. Jesus wurde verhaftet, verurteilt, gefoltert, schließlich ans Kreuz gehängt. Dort starb er.

Was wir auch in unserem Leben durchgemacht haben, in welchen Schwierigkeiten oder in welchem Dreck wir stecken, was an Schlimmen vielleicht noch auf uns zukommt: Jesus kennt das alles auch.

Nicht nur das. Er als Sohn Gottes hat auch die Macht uns zu helfen. Heute noch! Denn er ist ja nicht gestorben. Er ist auch auferstanden. Er kann die Angst vor der Zukunft nehmen, er kann in Trauer trösten, er kann Gesundheit schenken oder die Kraft eine Krankheit zu tragen. Er lässt mich nicht im Stich, wenn ich in finanziellen Nöten bin und kann mir helfen, mit anderen Menschen besser auszukommen. Und vor allen Dingen: Er kann Schuld vergeben. Und damit kann Freude in ein Leben kommen, Freude über einen Gott, der uns nie im Stich lässt.

Gott liebt uns. Gott liebt dich, liebt Sie. Darum ist Weihnachten geworden. Obwohl wir gar nicht liebenswert sind. Gott liebt dich, auch und gerade mit all dem, was du zu verbergen hast, was schlecht und böse ist in deinem Leben, auch mit all deinen schlimmsten Gedanken, die du niemand zu sagen wagst. Er kennt sie und liebt dich trotzdem. Er sucht dich. Jesus will dir dies alles abnehmen und vergeben. Gott liebt dich in deiner Einsamkeit, die dich vielleicht gerade heute überfällt. Er sucht dich und ruft dich in die tröstende Gemeinschaft mit ihm. Er liebt dich mit deinen gescheiterten Hoffnungen, in deinen zugebauten Lebenswegen, in deinen Depressionen und deiner quälenden Sorge vor der Zukunft. Er bietet dir seine Hilfe und seine Hoffnung an. Du darfst anfangen, mit ihm zu leben, sein Wort vertrauend zu lesen und kindlich zu beten.

Weihnachten heißt: Gott steht auf deiner Seite. Er hat nichts gegen dich. Du darfst bei ihm geborgen sein wie ein Kind bei seinem Vater. Glaub doch diesen Worten! Sie sind wahr und du darfst erfahren, dass du auf einmal bei Gott geborgen bist.

Jesus war einmal mit seinen Freunden auf dem See Genezareth mit dem Boot unterwegs. Da werden sie von einem furchtbaren Sturm überrascht. Das kleine Schiff wird durch die Macht der Wellen wie eine Nussschale hin und her geworfen. Die Freunde Jesu, die Jünger, schreien vor Angst. Sie wecken Jesus auf, der ihnen helfen soll. Jesus sagt nur: "Warum habt ihr Angst? Habt doch mehr Vertrauen zu mir!" Dann stand er auf und bereitete mit einer Handbewegung dem Toben der Natur ein Ende.

So kann es auch bei dir, in deinem Leben geschehen. Es kostet Jesus nur wenig, gewissermaßen eine kleine Handbewegung, um dich von allen Mächten zu befreien, die dir Angst einjagen wollen. Denn er ist stärker als sie. Nur ein Wort von ihm, und deine Lage hat sich geändert, oder du bist auf einmal geborgen, auch wenn sonst nichts anders geworden ist.

So erlebten es die Mitarbeiter von "Shelter Now". Sie waren 102 Tage in Afghanistan in Gefangenschaft der Taliban. Sie waren in fünf Gefängnissen, und mit jedem neuen Gefängnis sank die Hoffnung, wieder freizukommen. Was den Inhaftierten half, war das Gebet und das Lob Gottes. Mehrere Stunden am Tag beteten und lobten sie Gott.

Am Schlimmsten war es im vierten Gefängnis, tief unter der Erde, die Leute waren angekettet. Doch auch dort rafften sie auf, zu Gott zu beten und ihn zu loben, auch in ihrer schrecklichen Lage. In dieser furchtbaren Situation lasen sie in einem Psalm, dass Gott sie erretten wird aus dem Tode und der Furcht des Todes. Da fiel innerlich eine Zentnerlast von ihnen ab. Sie wussten, dass sie, wie es im Psalm 91 heißt, "unter dem Schirm des Höchsten" saßen. Nach mehr als drei Monaten Gefangenschaft kamen die Mitarbeiter von "Shelter Now" tatsächlich frei! Es war ein Wunder Gottes. Die Geschichte ging durch die Medien aller Welt.

Es ist natürlich nicht so, dass einer, der an Jesus glaubt, nie mehr Angst bekommt. Auch der gläubigste Christ wird immer wieder Angst haben. Aber wir brauchen keine Angst vor der Angst zu haben. Wenn sie kommt, so dürfen wir mit dem rechnen, der mit allem, was uns bedrohen will, fertig wird. Er lässt uns dann nicht allein.

In England hatte sich ein Junge so unglücklich mit seinem Fuß mitten auf den Gleisen einer Eisenbahnstrecke verfangen, dass er nicht mehr aus eigener Kraft sich befreien konnte. Der Junge geriet in Panik und rief um Hilfe. Ein Mann hörte die Schreie. Er lief herzu, doch er konnte auch nicht den Jungen aus seiner gefährlichen Lage befreien. Die beiden hörten einen Zug heranfahren. Der Mann befahl dem Jungen, sich ganz flach auf den Gleiskörper zu legen. Um dem Kind Mut zu machen, legte sich der Mann direkt neben ihn und hielt ihn fest. Der Zug donnerte über sie hinweg, und beide konnten sich unverletzt wieder erheben. Nun kam Hilfe aus dem Dorf und der Fuß wurde mit viel Mühe aus seiner Gefangenschaft befreit.

Wie oft sind wir gefangen in Sorgen und Ängsten, auch in Sünde und Schuld. Jesus lässt uns dann nicht allein, sondern er legt sich gewissermaßen neben uns. Er ist nicht in der Angst gefangen. Er ist nicht von der Sünde festgebunden. Aber er legt sich neben uns, damit er uns losmachen kann. Er lässt uns nicht allein. Er kommt in unser Leben. Wir brauchen ihn nur hineinlassen. Brauchen nur an ihn glauben.

Wenn wir glauben, dass Jesus bei uns ist, dann können wir ganz ruhig und gelassen werden, und in der Angst nicht verrückt spielen. Wir können dann auf der anderen Seite auch viel wagen, so wie einer, der am Halteseil gesichert ist, eine Kletterpartie unternehmen kann.

Ein Leben mit Jesus garantiert uns kein angstfreies Dasein. Er gibt uns keine Versicherungspolice für Leidensfreiheit. Schwere Situationen bleiben uns auch als Christ nicht erspart. Aber Jesus lässt uns bestimmt nicht allein. Es ist vielmehr so: Nichts, aber auch gar nichts kann uns von seiner Liebe trennen.

Diese Gewissheit braucht jeder, auch der unter uns, dem es gut, vielleicht sehr gut geht. Vielleicht sind wir mit unserem Leben zufrieden. Aber irgendwo in seinem Leben braucht doch jeder Hilfe. Vielleicht sieht man das von außen nicht, weil wir Menschen sehr wenig voneinander wissen. Aber vor anderen verborgen plagen mich Sorgen um meine Gesundheit und andere Menschen, quält mich eine Schuld oder ein verzehrender Wunsch. Irgendwo wird doch bei jedem von uns eine Sehnsucht nach Freude vorhanden sein, einer Freude, die einen auch in schweren Zeiten trägt.

Diese Freude gibt es. Es ist eine Freude, die uns keine Macht der Welt, kein Mensch der Erde und kein Tod nehmen kann. Sie steht uns in jeder Lage offen, ist unter allen Umständen zugänglich. Wir haben zu ihr direkten Zutritt und sicheren Zugriff. Wir brauchen keine Angst zu haben, dass diese Freude jeden Moment aufhören kann und plötzlich zunichte sein kann.

Denn diese Freude kommt von ihm, dem Heiland und Retter Jesus Christus. Er ist der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist und heute auch noch bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende. Diesen Christus kann uns keine Macht rauben, kein Mensch nehmen, keine Zeit vergehen lassen, kein Tod töten. Er ist unser einzig wahrer unverlierbarer Schatz.

Halten wir es doch fest, dieses wunderbare Geschenk, das uns Gott an Weihnachten gemacht hat: seinen eigenen Sohn, der für uns Mensch geworden ist. Dieses Festhalten nennt die Bibel Glauben. Nur wer an Jesus glaubt, wird erfahren, ob das, was er von ihm hört, auch stimmt. Das ist mit einem gewissen Wagnis verbunden. Aber ein Wagnis, das sich lohnt.

Es gibt Menschen, die kopfüber 100 Meter in die Tiefe springen im Vertrauen auf ein Gummiseil, obwohl es nicht immer gehalten hat. Es gibt Menschen, die sich Tausende von Kilometern hoch in den Weltraum schießen lassen im Vertrauen auf die Technik, obwohl sie nicht immer funktioniert hat. Es gibt sogar welche, die sich darum reißen, mit einem Raumschiff auf den Mars zu fliegen, obwohl sie nicht wissen, ob sie jemals wieder auf die Erde kommen können. Und dann gibt es auch Menschen, die das Abenteuer des Glaubens wagen. Sie vertrauen Jesus, weil er bisher immer sein Wort gehalten hat. Wollen Sie nicht auch zu diesen Menschen gehören? Also ich möchte es. Ich möchte Jesus vertrauen, immer mutiger, immer radikaler. Denn ich habe es erfahren, dass er eingegriffen hat, wenn ich nur ein bisschen ihm vertraut habe.

 

Amen